Das Kaiserreich…

…vor der Eskalation? Die “Ruhe” vor dem Sturm?

Soweit meine spontane Assoziationsinterpretation zu Gerhart Hauptmanns “Bahnwärter Thiel” von 1889. Was lässt sich ansonsten sagen? Es ist eine Novelle. Ist also nicht lang. Ist schnell gelesen und dennoch daher gut. Ansonsten habe ich von Hautpmann bisher nur “Vor Sonnenaufgang” gelesen. Während ich den Bahnwärter begleitete dachte ich auch mehrfach an dieses Drama, bei dem die einzelnen Figuren versuchen aus ihrem derzeitigen Leben auszubrechen, darin am Ende jedoch allesamt kräftig scheitern.

Ähnlich ist es auch mit dem Bahnwärter, nur ganz anders. Oder doch nicht? Oder glückt ihm vielleicht der Ausbruch? Naja. Er kommt jedenfalls in die Irrenanstalt, nachdem er seine zweite Frau und das gemeinsame Kind umgebracht hat. Er entkommt dadurch schon – haha! – seinem eintönigen Leben und rächt sich und seine verstorbene erste Frau an seiner zweiten Frau und dem gemeinsamen Kind für den – für ihn – von ihr verschuldeten Tod des Kindes mit der ersten Frau (Tobias) auf den Bahngleisen kurz zuvor. Und dann war da ja auch noch die Misshandlung Tobias’, die er zuvor einfach ungesühnt gelassen hatte, nicht fähig seiner zweiten Frau Widerstand zu leisten.

Jedenfalls nimmt diese Novelle aber eine Zerfleischung vorweg, die die Mentalität mancher Teile des Kaiserreichs später noch viel weiter treiben sollte. Und auch daran geht Thiels Welt kaputt. Zum Frühstück nach Paris. Und Weihnachten sind wir ja wieder zuhause. Klingeling?

Gewagte These. Vielleicht. In jedem Fall verkürzt sie die Novelle jedoch zu Unrecht auf eine mögliche Relevanz. Das zu meiner Verteidigung noch. Da ist mehr drin.

Und wem das zu wirr war, der lese das Buch oder frage nach bei

eurem Herrn Wirrwarr.

Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe nieder. Nachdem sie beendigt, trank er den Nachmittagskaffee und begann gleich darauf sich für den Gang in den Dienst vorzubereiten. Er brauchte dazu, wie zu allen seinen Verrichtungen, viel Zeit; jeder Handgriff war seit Jahren geregelt; in stets gleicher Reihenfolge wanderten die sorgsam auf der kleinen Nussbaumkommode ausgebreiteten Gegenstände: Messer, Notizbuch, Kamm, ein Pferdezahn, die alte, eingekapselte Uhr, in die Taschen seiner Kleider. Ein kleines, in rotes Papier eingeschlagenes Büchelchen wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt. Es lag während der Nacht unter dem Kopfkissen des Wärters und wurde am Tage von ihm stets in der Brusttasche des Dienstrockes herumgetragen. Auf der Etikette unter dem Umschlag stand in unbeholfenen, aber verschnörkelten Schriftzügen, von Thiels Hand geschrieben: “Sparkassenbuch des Tobias Thiel”.

Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie. Stuttgart 1970, S. 13.

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