Fjodor Dostojewski: Böse Geister

Es folgt eine fast neunhundert Seiten und verschiedene Figuren umfassende Collage, die sich wunderbar als Stoßgebet in schweren Stunden eignen mag:

Volle Freiheit wird dann sein, wenn es egal ist, leben oder nicht leben. Das ist das Ziel von allem!

[…]

Wem es egal sein wird, leben oder nicht leben, der ist der neue Mensch. Wer Schmerz und Angst überwindet, der wird selbst Gott sein. Und der andere Gott wird nicht sein.

[…]

Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist; nur deshalb.

[…]

Jede außerordentlich schmähliche, maßlos erniedrigende, niederträchtige und vor allem lächerliche Lage, in die ich in meinem Leben geriet, erregte in mir außer einem maßlosen Zorn auch ein unmäßiges Lustgefühl.

[…]

Die Überzeugungen und der Mensch – das sind, glaube ich, zwei in vieler Beziehung verschiedene Dinge.

[…]

Ich kann immer noch, wie früher, wünschen, Gutes zu tun, und empfinde dabei Vergnügen; unmittelbar darauf wünsche ich auch Böses und empfinde ebenso Vergnügen.

Aus: Fjodor Dostojewski: Böse Geister. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Frankfurt am Main 2000, S. 151, 152, 313, 572, 812, 928.

Und sterbt ohne Ambitionen …

/Denken. Nicht mit Glauben begnügen: weiter gehen. Noch einmal durch die Wissenskreise, Freunde! Und Feinde. Legt nicht aus: lernt und beschreibt. Zukunftet nicht: seid. Und sterbt ohne Ambitionen: ihr seid gewesen. Höchstens voller Neugierde. Die Ewigkeit ist nicht unser (trotz Lessing!): aber dieser Sommersee, dieser Dunstpriel, buntkarierte Schatten, der Wespenstich im Unterarm, die bedruckte Mirabellentüte. Drüben der lange hechtende Mädchenbauch./

Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas, Stuttgart 1988, S. 61.

Dem Moment.

Mach was aus dir, mein Junge!

"Look at him, Hump," Wolf Larsen said to me, "look at this bit of animated dust, this aggregation of matter that moves and breathes and defies me and thoroughly believes itself to be compounded of something good; that is impressed with certain human fictions such as righteousness and honesty, and that will live up to them in spite of all personal discomforts and menaces. What do you think of him, Hump? What do you think of him?"

"I think that he is a better man than you are," I answered, impelled, somehow, with a desire to draw upon myself a portion of the wrath I felt was about to breack upon his head. "His human fictions, as you choose to call them, make for nobility and manhood. You have no fictions, no dreams, no ideals. You are pauper."

Jack London: The Sea Wolf, New York 2007, S. 86.

Der unwiderstehlicher Materialismus Wolf Larsens und der Idealismus Humphrey Van Weydens und so.

"I often doubt, I often doubt, the worthwhileness of reason. Dreams must be more substantial and satisfying. Emotional delight is more filling and lasting than intellectual delight; and, besides, you pay for your moments of intellectual delight by having the blues. Emotional delight is followed by no more than jaded senses which speedily recuperate. I envy you, I envy you."

He stopped abruptly, and then his lips formed one of his strange quizzical smiles, as he added:

"It's from my brain I envy you, take notice, and not from my heart. My reason dictates it. The envy is an intellectual product. I am like a sober man looking upon drunken men, and, greatly weary, wishing he, too, were drunk."

Jack London: The Sea Wolf, New York 2007, S. 170.

Schrauben am Geschichtsbild mit einem Löwen

"Ein Hund, der bellte, und ein Hahn, der krähte, die haben das Glück des Wallenstein begründet", sagte mein Hauslehrer, der stud. med. Meisl, als er mir an einem regnerischen und nebligen Novembertag diese Geschichte erzählte, statt mich in die Mysterien des Rechnens mit Sinus und Cosinus einzuführen. "Davon wirst du freichlich in deinem Gymnasium nichts gehört haben, denn dort trichtert man euch nur Jahreszahlen ein. Ich will, Gott behüte, nichts Schlechtes auf ihn sagen, aber er war ein guter Rechner, im Krieg wie in der Liebe, der Wallenstein, und darum habe ich meinen Zweifel, ob damals wirklich nur die Venus im Bereich des Wagens gestanden ist. Denn, – erinnere dich daran, was ich dir von der Lucrezia von Landeck gleich zu Anfang erzählt habe: daß sie eine der reichsten Erbinnen im Königreich Böhmen war. Sie ist früh gestorben. Ihr Reichtum aber hat den Wallenstein in den Stand gesetzt, zwei Dragonerregimenter aufzustellen, als der Krieg gegen Venedig ausbrach, und sie dem Kaiser zuzuführen. Und das war der Beginn seines steilen Aufstiegs, dem dann ein Hellebardenstoß in Eger ein Ende gesetzt hat."
Der stud. med. Meisl stopfte sich seine lange Studentenpfeife, deren Porzellankopf das Bild Voltaires zeigte, mit irgendeinem billigen Produkt der k. u. k. Tabakregie. Dann fuhr er fort:
"Johannes Keppler, der so tief in die Gesetze des Weltalls blickte, hat sich sicherlich nicht geirrt. Die Venus herrschte in jener Nacht im Bereich des Wagens. Aber mir will es scheinen, als wäre noch ein anderer, ein kleiner, unscheinbarer Stern ganz in der Nähe gestanden, – der wahre Stern des Wallenstein: der Merkur. Und wenn du auch ein schlechter Lateiner bist und nicht einmal eine leichte Stelle aus dem Ovid anständig übersetzen kannst, das weißt du doch, daß bei den Alten Merkur der Gott des Geldes war."
Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke, München, 6. Auflage, 2008, S. 140-141.

Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!

Wenn ich mich auf einen einzigen Autor festlegen müsste, den ich am liebsten lese und gelesen habe, die Wahl fiele wohl mit einiger Sicherheit auf Fjodor Dostojewskij. Mein Liebling von ihm ist und bleibt zwar Der Idiot, nichtsdestoweniger hatte ich mit Der Spieler von 1866 – kurz nach Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne) – meine helle Freude. Doch wen interessiert mein Geschwafel über die Darstellung der Spielsucht und die Parallelen von Glücksspiel und Leben? Getreu dem Motto dieser Kategorie also hier meine handverlesenen Bonmots aus Der Spieler:

„In letzter Zeit war es mit ungemein zuwider, meinem Handeln oder Denken einen moralischen Maßstab anzulegen. Es war etwas anderes, was mich bestimmte …“
Fjodor Dostojewski: Der Spieler. (Aus den Aufzeichnungen eines jungen Mannes.) Aus dem Russischen von Swetlana Geier, Frankfurt am Main 2011, S. 24-25.

„‚Ich bitte Sie‘, […], ‚wirklich, es steht doch noch gar nicht fest, was schlimmer ist, russisches Chaos oder die deutsche Methode des Kapitalerwerbs durch anständige Arbeit.'“
Ebd., S. 39.

„‚[…] Sie fragen: Wozu brauchen Sie Geld? Was heißt, wozu? Geld – das ist alles!'“
Ebd., S. 47.

Und zum Abschluss der krönende letzte Satz des Romans, der nicht nur für Spielsüchtige, sondern auch für gequälte Dauer-Prüflinge im Examen gilt:

„Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!“
Ebd., S. 219.

Nur, dass es für mich nicht zutrifft. Noch nicht. Und bis dahin gilt: Morgen, morgen werde ich anfangen!

Don’t believe the hype!

Oder: „Was bin ich?“ mit Malte Laurids Brigge.

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Herausgegeben und kommentiert von Manfred Engel, Stuttgart 1997, S. 8.

Und wer nach diesem sensationellen ersten Satz nicht sofort den Drang verspürt, das ganze Ding von vorne bis hinten inklusive verschiedener Fassungen zu inhalieren, dem kann ich auch nicht helfen. Versuche es aber trotzdem:

[…]
Ist es möglich, daß es Leute giebt, die ‚Gott‘ sagen und meinen, das wäre etwas Gemeinsames? – Und sieh nur zwei Schulkinder: es kauft sich der eine ein Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag. Und sie zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es ergiebt sich, daß sie sich nur noch ganz entfernt ähnlich sehen, – so verschieden haben sie sich in verschiedenen Händen entwickelt. (Ja, sagt des einen Mutter dazu: wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen müßt. -)  Ach so: ISt es möglich, zu glauben, man könne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
Ja, es ist möglich.
Wenn aber dieses alles möglich ist, auch nur einen Schein von Möglichkeit hat, – dann muß ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Nächstbester, der, welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, muß anfangen etwas von dem Versäumten zu tun; wenn es auch nur irgend einer ist, durchaus nicht der Geeignetste: es ist eben kein anderer da. Dieser junge, belanglose Ausländer, Brigge, wird sich fünf Treppen hoch hinsetzen müssen und schreiben, Tag und Nacht: ja er wird schreiben müssen. Das wird das Ende sein.
Ebd., S. 23-24.

Sezieren mit Dr. Timm

Mir ist es nicht gelungen, das Gefühl der Peinlichkeit, was denken andere über mich, abzulegen. Es begleitet mich bis heute. Wahrscheinlich ist es die Voraussetzung für ein rücksichtsvolles Umgehen miteinander.
Uwe Timm: Der Freund und der Fremde. In: Ders.: Am Beispiel eines Lebens. Autobiographische Schriften. Köln 2010, S. 181-345, hier: S. 329.

Und falls wir uns dennoch überwinden, aufzustehen und einen Weg zu gehen, ohne uns zuvor umzusehen, gilt vielleicht:

Der Revolutionär und der psychisch Kranke. Das sind zwei Möglichkeiten, die sich gegen Macht richten. Der eine, der Revolutionär, will durch Gewalt die gesellschaftlichen Machtverhältnisse verändern, der andere stellt allein durch sein Anderssein – und so verstand er [Kipphardt] die psychische Krankheit – die Macht des gesellschaftlichen Konsens, die Normalität der Gesellschaft in Frage.
Uwe Timm: Vogel, friss die Feige nicht. Römische Aufzeichnungen. (Die Utopie der Sprache. Versuch über Kipphardt.) In: Ders.: Am Beispiel eines Lebens. Autobiographische Schriften. Köln 2010, S. 347-509, hier: S. 494-495.

Was für Alternativen. Also vielleicht doch zuhause bleiben, aus dem Fenster schauen, den Sperrmüll des Nachbarn erblicken und daran denken, dass auch die Dinge Tränen haben (vgl. Uwe Timm: Der Freund und der Fremde, S. 257) und sich in dieser Stimmung leichter Melancholie in die Disziplinargesellschaft ergeben? Aber ohne, dass man „Schicksal“ sagt?