Heinrich Mann – Der Untertan

1919 zuerst erschienen, teilweise schon vorab publiziert und während des Krieges fertiggestellt, stellt „Der Untertan“ in meinen Augen eine großartige, pointierte Satire des Kaiserreichs dar. Die Maxime, nach der die Hauptfigur Diederich Heßling nach und nach immer mehr sein Leben gestaltet ist so einfach, wie folgenschwer: „Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht.“ (Heinrich Mann: Der Untertan, Frankfurt am Main 2008, S. 357) – Nach unten treten, nach oben buckeln: Da hat man schnell den Salat und alle rennen fröhlich in den Krieg. Zumal die Opposition – personifiziert in dem Sohn des einflussreichen Liberalen und 48er-Revolutionärs Buck, Wolfgang Buck, und dem Sozialdemokraten Napoleon Fischer – sich lieber schöngeistigen Dingen wie dem Theater hingeben bzw. zum Machtgewinn auch zum Opportunismus schädlichster Sorte neigen.

Doch „Der Untertan“ wirkt nicht nur als scharfe Analyse seiner Entstehungszeit, er hält auch Denkansätze für heute bereit. Wem ist dieser Diederich denn schon grundlegend unsympathisch? Ist er nicht nur das Opfer verkorkster Umstände? „Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.“ (ebd., S. 7) Das verrät uns schon der erste Satz. Was sollte da aus ihm werden? In dieser Gesellschaft? Schließlich gerät er ja auch nur allzu bald „unter eine noch furchtbarere, den Menschen auf einmal ganz verschlingende [Gewalt]: die Schule.“ (ebd., 10) Kurz: Die gesellschaftlichen Voraussetzungen sind denkbar schlecht für einen weichen Charakter, der versuchen möchte, sich ein gutes Leben zu machen. Und so gerät er eben im Studium in eine schlagende Verbindung und beginnt, den Kaiser zu vergöttern. Aber halt: Gibt es wirklich keinen Ausweg? Diederich bekommt doch vor Gericht von Wolfgang Buck eine treffende Analyse seiner selbst geboten:

‚Ich werde also nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht von Wilhelm II., sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn standen und von großem Selbstbewußtsein sobald sie sich gewendet hatten.‘
(ebd., S. 211)

Könnte er also nicht ab von dem Weg, den er eingeschlagen hat? Wiederholt gibt es Stellen, an denen Diederich innerlich vom Aufruhr phantasiert. Immer jedoch endet diese Auflehnung in einer neuen Unterwerfung unter die größere Macht und in der Bewunderung für diese. Doch – und nun komme ich zurück zu der Frage, die ich eigentlich gestellt hatte – sind wir selbst weit von Diederich Heßling entfernt? Sind wir nicht auch irgendwie festgefahren in der Lebensbahn, die wir eingeschlagen haben? Ändern wir unser Leben grundsätzlich, weil wir zwischenzeitlich erkennen oder eine tiefere Wahrheit spüren, dass wir es eigentlich müssten? Oder folgen wir dann doch eher der Route, die uns mehr Vorteile verheißt, für den Rest der Welt allerdings Nachteile mit sich bringt?

In dieser Hinsicht birgt „Der Untertan“ also Denkanreize auch für heute: Wie werden wir eigentlich politisch und was haben wir dabei im Blick? Uns selbst oder auch die gesamte Gesellschaft, ja vielleicht sogar die Menschheit? Die Eingeschränktheit Diederichs in seinem Denken, sowie die Unfähigkeit der Opposition, adäquat auf den erstarkenden fanatischen Nationalismus und Egoismus rund um Diederich zu reagieren, sollten als Warnung und Mahnung auch heute noch zu denken geben.

Fazit also: Großartiges, mitreißendes Buch und ich möchte schließen mit einer meiner liebsten Stellen. Wir finden uns dazu ein in einem Zug, aber nicht irgendeinem Zug: Es ist der Zug, der Diederich mit seiner gerade erst angetrauten Ehefrau auf ihre Hochzeitsreise schickt.  Es geht zunächst in die Schweiz, bald darauf aber nach Rom – dem Kaiser hinterher. Doch noch, noch sind wir im Zug. Und dort schicken die beiden sich nun an, die Ehe zu vollziehen. Doch unser geschätzter Diederich Heßling hat zuvor noch etwas Gewichtiges zu sagen:

‚Bevor wir zur Sache selbst schreiten‘, sagte er abgehackt, ‚gedenken wir Seiner Majestät unseres Kaisers. Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir Seiner Majestät Ehre machen und tüchtig Soldaten liefern.‘
(ebd., S. 322)

„Hurra!“ möchte man da schreien, hurra…

Das Kaiserreich…

…vor der Eskalation? Die „Ruhe“ vor dem Sturm?

Soweit meine spontane Assoziationsinterpretation zu Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ von 1889. Was lässt sich ansonsten sagen? Es ist eine Novelle. Ist also nicht lang. Ist schnell gelesen und dennoch daher gut. Ansonsten habe ich von Hautpmann bisher nur „Vor Sonnenaufgang“ gelesen. Während ich den Bahnwärter begleitete dachte ich auch mehrfach an dieses Drama, bei dem die einzelnen Figuren versuchen aus ihrem derzeitigen Leben auszubrechen, darin am Ende jedoch allesamt kräftig scheitern.

Ähnlich ist es auch mit dem Bahnwärter, nur ganz anders. Oder doch nicht? Oder glückt ihm vielleicht der Ausbruch? Naja. Er kommt jedenfalls in die Irrenanstalt, nachdem er seine zweite Frau und das gemeinsame Kind umgebracht hat. Er entkommt dadurch schon – haha! – seinem eintönigen Leben und rächt sich und seine verstorbene erste Frau an seiner zweiten Frau und dem gemeinsamen Kind für den – für ihn – von ihr verschuldeten Tod des Kindes mit der ersten Frau (Tobias) auf den Bahngleisen kurz zuvor. Und dann war da ja auch noch die Misshandlung Tobias‘, die er zuvor einfach ungesühnt gelassen hatte, nicht fähig seiner zweiten Frau Widerstand zu leisten.

Jedenfalls nimmt diese Novelle aber eine Zerfleischung vorweg, die die Mentalität mancher Teile des Kaiserreichs später noch viel weiter treiben sollte. Und auch daran geht Thiels Welt kaputt. Zum Frühstück nach Paris. Und Weihnachten sind wir ja wieder zuhause. Klingeling?

Gewagte These. Vielleicht. In jedem Fall verkürzt sie die Novelle jedoch zu Unrecht auf eine mögliche Relevanz. Das zu meiner Verteidigung noch. Da ist mehr drin.

Und wem das zu wirr war, der lese das Buch oder frage nach bei

eurem Herrn Wirrwarr.

Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe nieder. Nachdem sie beendigt, trank er den Nachmittagskaffee und begann gleich darauf sich für den Gang in den Dienst vorzubereiten. Er brauchte dazu, wie zu allen seinen Verrichtungen, viel Zeit; jeder Handgriff war seit Jahren geregelt; in stets gleicher Reihenfolge wanderten die sorgsam auf der kleinen Nussbaumkommode ausgebreiteten Gegenstände: Messer, Notizbuch, Kamm, ein Pferdezahn, die alte, eingekapselte Uhr, in die Taschen seiner Kleider. Ein kleines, in rotes Papier eingeschlagenes Büchelchen wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt. Es lag während der Nacht unter dem Kopfkissen des Wärters und wurde am Tage von ihm stets in der Brusttasche des Dienstrockes herumgetragen. Auf der Etikette unter dem Umschlag stand in unbeholfenen, aber verschnörkelten Schriftzügen, von Thiels Hand geschrieben: „Sparkassenbuch des Tobias Thiel“.

Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie. Stuttgart 1970, S. 13.