Fjodor Dostojewski: Böse Geister

Es folgt eine fast neunhundert Seiten und verschiedene Figuren umfassende Collage, die sich wunderbar als Stoßgebet in schweren Stunden eignen mag:

Volle Freiheit wird dann sein, wenn es egal ist, leben oder nicht leben. Das ist das Ziel von allem!

[…]

Wem es egal sein wird, leben oder nicht leben, der ist der neue Mensch. Wer Schmerz und Angst überwindet, der wird selbst Gott sein. Und der andere Gott wird nicht sein.

[…]

Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist; nur deshalb.

[…]

Jede außerordentlich schmähliche, maßlos erniedrigende, niederträchtige und vor allem lächerliche Lage, in die ich in meinem Leben geriet, erregte in mir außer einem maßlosen Zorn auch ein unmäßiges Lustgefühl.

[…]

Die Überzeugungen und der Mensch – das sind, glaube ich, zwei in vieler Beziehung verschiedene Dinge.

[…]

Ich kann immer noch, wie früher, wünschen, Gutes zu tun, und empfinde dabei Vergnügen; unmittelbar darauf wünsche ich auch Böses und empfinde ebenso Vergnügen.

Aus: Fjodor Dostojewski: Böse Geister. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Frankfurt am Main 2000, S. 151, 152, 313, 572, 812, 928.

bei Gelegenheit #3: #Zugluft

bei Gelegenheit #3: #Zugluft

auf Züge aufspringen
zu gefährlich
nie durchs Land streichen
nur das Land streichen
in Gedanken

selbst wenn:
wenn du fragst
auch auf dem Zug
kann man einsam sein
und mit Worten spielen
hier wie da
in Ecken murmeln
hier wie da
ein Wind weht
hier wie da

bei Gelegenheit #2

bei Gelegenheit #2

ein Hut auf der Bühne
brummend Wahrheiten
oder das, was
der Moment als diese erkennt.

es schummert
in mir, um mich,
bis ich erniedrigt
wieder liebe,
generell.

ab morgen der Anstand in Anzug, Krawatte, mit Hut?

Haltepunkte in Selbstbildern von außen

Vom Wert des Bahnfahrens

Vom Wert des Bahnfahrens

Dich nicht zu kennen, ist der Wert,
den unser Treffen mir für später bietet,
wenn ich am Fenster meinen Blick
gen Wolken richte und mich vergewisser’,

dass mein Träumen mir noch dient,
um mich und meine Kreise zu durchbrechen.
Plötzlich gibt ein Weg sich frei,
den wir uns an den Händen haltend gehen.

Und wie ich dir in deine Augen
blicke, steigert sich die Harmonie
in mir, an die ich hierjetzt glauben
will und die mir deutlich zeiget, wie

der kleine Wandel in mir um mich
Funken schlägt und wirbelt, wärmend Glanz
erzeugt und Kraft erfordert, um nicht
mit dir aus der Bahn in Träume ganz

zu sinken und den Grund zu finden,
der mich einem Anker gleichend hielt’.
Langsam kehre ich mich windend
zurück zu Wolken, die die Nacht durchbricht.

Dich nicht zu kennen, bietet Schutz,
nicht zu entgleisen. Doch nährst du, wenn ich hungrig
mich vor Leere fühle. Dich
nicht zu kennen, lässt mich weiter reisen.

Weltaneignung

Weltaneignung

Ein flacher Tisch, umringt von schwarzen Sesseln
und dem roten Sofa, dessen Fesseln
vorne auf den grünen Teppich zielen.
Ein Schrank aus Eiche auf den Birkendielen.

Ein Mann mit weißen Haaren sitzt versunken
vor dem Glas, aus dem er just getrunken,
eine Frau verharrt in ihrer Geste
und ein Mädchen liest, ist mir die Nächste.

So geht es, wenn du einen Raum betrittst.
Mit der Sekunde wird ein jedes Ding
sogleich zum Deinen, erhält ein jedes Ding

sogleich von deinem Meinen seinen Sinn
und jeder Mensch genauso seinen Sinn,
in den du ihn mit deinem Denken drückst.