Hammonia revisited (Heinrich Heine, baby!)

Hammonia revisited (Heinrich Heine, baby!)

Was dereinst noch als Zukunftsduft
Im Abort war zu riechen,
Vermochte in dem Lauf der Zeit
Tatsächlich hervor zu kriechen.

Die braune Scheiße, sagt man wohl,
Bracht’ wirklich man zum kochen!
Zwar kam es nicht zu ihrem Sieg
Am Ende, doch vermochten

Die dummen Menschen dem zum Trotz
Noch immer keine Wende
Hin zum Glanz der Liebessonn’,
Fern Not der Widerstände.

Auseinanderleben. Oder: Zu viel reden. Oder: Das Fotoalbum. Oder: Die Bilder, die wir im natürlichen Licht des Sommers machten, und jene, die wir in unsrem Winter finden. Oder: Unbenannt.

Auseinanderleben. Oder: Zu viel reden. Oder: Das Fotoalbum. Oder: Die Bilder, die wir im natürlichen Licht des Sommers machten, und jene, die wir in unsrem Winter finden. Oder: Unbenannt.

Sorglos diese Tage
in des Sommers Hitze.
Bleiben wird nur Frage
nach dem Gang der Witze,

die dich lachen ließen
auf den Bildern, die wir
heut noch ähnlich schießen.
Doch ich sehe, wie dir

etwas Sorgenfalten
brachte – jede Seite
werden’s mehr. Halten
kann in seiner Breite

sich dabei dein Lachen
nicht. Vielleicht kam’s damals
nicht vom Witzemachen,
sondern lag im Schweigen.

Geltung

Geltung

Blätterrausch aus Wind
in der Bäume Kronen.
Ob es Zeichen sind,
die in Dingen wohnen?

Dass der Regen kommt,
ist erspürt, eh Tropfen
fallen. Und es frommt
gegen mein Verkopfen.

Aber dieses Bild
ist so herzlich nichtig,
nur als Anlass wichtig,
um zu zeigen: es gilt.

Vom auf dem Kopf gehen.

Vom auf dem Kopf gehen.

Nicht müde, nein,
ein Drücken
im Rücken:
das Weiter,
das Weiter.

Ein Purzeln
und Straucheln, ein
Versuch sich zu fassen;
im Kopfstand sich lassend
den schritt vorwärts wagend–

Ein Lufttritt
wird Luftritt,
nimmt mich mit
in Ferne und ich frage:

Warum genau
hast du das
eigentlich
zu unternehmen
gesucht statt
nur hinaus
zu schauen?

stadtsommer

stadtsommer

autorauschen am fenster–
dunkel verspricht kühlung–
lärm einer brandung–
und wärmer noch als drinnen–.

etwas beginnen,
drang in die träge hinein
und dann ein Aufraffen,
ein Beginn, ein, ein,
eine Erfrischung
im waschbecken
und mehr
kein schlaf.

Don’t believe the hype!

Oder: “Was bin ich?” mit Malte Laurids Brigge.

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.
Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Herausgegeben und kommentiert von Manfred Engel, Stuttgart 1997, S. 8.

Und wer nach diesem sensationellen ersten Satz nicht sofort den Drang verspürt, das ganze Ding von vorne bis hinten inklusive verschiedener Fassungen zu inhalieren, dem kann ich auch nicht helfen. Versuche es aber trotzdem:

[…]
Ist es möglich, daß es Leute giebt, die ‘Gott’ sagen und meinen, das wäre etwas Gemeinsames? – Und sieh nur zwei Schulkinder: es kauft sich der eine ein Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag. Und sie zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es ergiebt sich, daß sie sich nur noch ganz entfernt ähnlich sehen, – so verschieden haben sie sich in verschiedenen Händen entwickelt. (Ja, sagt des einen Mutter dazu: wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen müßt. -)  Ach so: ISt es möglich, zu glauben, man könne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
Ja, es ist möglich.
Wenn aber dieses alles möglich ist, auch nur einen Schein von Möglichkeit hat, – dann muß ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Nächstbester, der, welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, muß anfangen etwas von dem Versäumten zu tun; wenn es auch nur irgend einer ist, durchaus nicht der Geeignetste: es ist eben kein anderer da. Dieser junge, belanglose Ausländer, Brigge, wird sich fünf Treppen hoch hinsetzen müssen und schreiben, Tag und Nacht: ja er wird schreiben müssen. Das wird das Ende sein.
Ebd., S. 23-24.