Erich Maria Remarque – Der Himmel kennt keine Günstlinge

Tja, also. 1961 als kompletter Roman erschienen (vorher ab ’59 als Fortsetzungsroman), ist “Der Himmel kennt keine Günstlinge” eines der späten Werke Remarques. Und so liest es sich auch. Das klingt im ersten Moment ziemlich negativ. So ist es aber gar nicht unbedingt gemeint. Remarque gehört zu den Autoren, von denen ich etwas mehr gelesen habe, und so kam ich mir während des Lesens, das bei Remarque ja ohnehin eher immer leicht von der Hand geht, wie in einer Art Best-Of-Revue vor, ohne dass frühere Höhen jedoch erreicht wurden.

Da ist mal wieder eine Hauptfigur, Clerfayt, der nach zwei Weltkriegen verbittert ist und viel trinkt (siehe nahezu jeden anderen Roman) und außerdem Rennfahrer ist (siehe z. B. “Drei Kameraden”, wo es auch einen für die Handlung bedeutenden Rennwagen gibt).  Dieser Clerfayt verliebt sich nun bei einem Besuch seines Freundes und einstigen Kollegens Hollmann im Sanatorium in der Schweiz (Thomas Manns “Zauberberg”, anyone?) in die kranke Lillian (eine weibliche Hauptfigur mit Lungenkrankheit hat auch “Drei Kameraden” zu bieten), die mit ihm gemeinsam das Sanatorium verlässt. Sobald Clerfayt nach einer stürmischen Anfangszeit dann beginnt, die kranke Lillian in Watte zu packen und sie – in ihren Augen – durch eine Hochzeit “einsperren” will, bröckelt das Glück. Doch bevor Lillian ihn verlassen kann – sie hat ihre Bahnfahrkarte schon -, stirbt Clerfayt bei einem Rennen. Lillian kehrt in der Folge ins Sanatorium zu ihrem früheren Geliebten zurück und der letzte Absatz verrät uns in altbewährter Remarque-Manier (siehe z. B. “Im Westen nichts Neues”) kurz, dass Lillian sechs Wochen später stirbt. Achja, Hollmann nimmt wieder gesundet übrigens Clerfayts Platz im Rennwagen ein.

Jetzt könnte man tatsächlich ein wenig aufstöhnen und sich fragen, ob Remarque einfach nichts mehr eingefallen ist, wie zeitgenössische Kritiker es gerne auffassten. Oder aber, man lässt sich auf eine Wendung ein, die den gesamten Roman über ab seiner Einführung wohl neun Mal fällt und in Abwandlungen angesprochen wird: “Von Brescia nach Brescia”. Das ist zunächst einmal nur der Name eines Rennens, an dem Clerfayt teilnimmt. Gleichzeitig ist es für Lillian aber auch das stärkste “Symbol der Sinnlosigkeit” (Remarque, Erich Maria: Der Himmel kennt keine Günstlinge, Köln, 3. Auflage 2004, S. 254), sie fragt sich, ob sich nicht jeder wie die Rennfahrer von Brescia nach Brescia von “Selbstbetrug zu Selbstbetrug” (ebd., S. 255)  bewege. Und der mittellose Poet Gérard, den sie trifft und mit diesem Ausspruch konfrontiert, meint: “Es ist ein Satz, der immer besser wird. Er führt zu einer Fülle von Platitüden, die alle einmal tief wie Bergwerksschächte waren und es vielleicht noch sind” (ebd., S. 264). Gérards Meinung zu “Von Brescia nach Brescia”, ja der Satz an sich, ist damit in meinen Augen der gelungenste Kommentar zu diese Roman. “Der Himmel kennt keine Günstlinge” bewertet sich also schon in sich selbst als die angesprochene Revue schon bekannter Tropen und Topoi und wirft mit Gérard die offen gelassene Frage auf, ob dies noch etwas hergibt oder nicht. Wie sieht es aus mit den Bergwerksschächten? Vielleicht meint man nur, sie schon zu gut zu kennen. Vielleicht. Ein  kurzer Auszug, der darauf hindeuten könnte, soll jedenfalls nun folgen.

“Schade”, sagte Lillian, “ist kein so trauriges Wort, wie man glaubt.”
“Gehört das auch zu Ihren neuen Erkenntnissen?”
“Zu denen von heute.”
Peystre schob ihren Stuhl zurück. “Ich hoffe auf die von morgen.”
“Hoffen”, sagte Lillian, “ist dagegen ein viel traurigeres Wort, als man glaubt.”

(Ebd., S. 217)

Achja, was außerdem noch interessant ist: Das ganze wurde 1977 von Sydney Pollack unter dem Titel “Bobby Deerfield” für die Leinwand adaptiert. Mit Al Pacino. Werde ich mir bei Gelegenheit mal geben.

ins Leere

ins Leere

die Welt in lähmendem Licht
am Nachmittag, doch ich
tanze mit einigen Tropfen,
die um mich schleudern.

ich denke mir neue Worte aus
und behalte sie für mich.
bald, verspreche ich dir
und nehme deine Hand.

siehst du die Finger?
wie sie sich schließen?
umfließen? weil wir
es wollen. es können.

erzähl mir davon,
sage ich und sehe halb an
dir vorbei und du schweigst,
hast verstanden.

sich entsagen (gelesen)

Weil ich da gerade Lust zu hatte, hier noch ein kleines Stückchen aus der Lesung. (Die Aufnahme erspart es mir, tatsächlich mal aktiv zum Mikro zu greifen, um hier Inhalte zu schaffen.) Also, viel Spaß damit. Das zugehörige Gedicht findet ihr hier zum Mit- oder Nachlesen oder Ignorieren.

Michail Bulgakow – Der Meister und Margarita

Ich meine, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann ist der Roman schon ziemlich interessant komponiert und seine Verzwirbelungen mit Goethes Faust sind interessant und witzig und spielerisch und so weiter. Vor allem die Pilatus/Jeschua-Kapitel haben mir  mit ihren bibelkritischen Ideen auch sehr gefallen und wie diese Einschübe eigentlich den ganzen Roman zusammenhalten, wenn zunächst nur der Teufel alias Voland eine Geschichte erzählt, um die Existenz Jesu zu beweisen, und sich diese Geschichte später als ein Teil des Romans des Meisters herausstellt, aus dem dann weitere Kapitel vorgestellt werden.

Und ja, doch, in der gesamten Geschichte des Buches und Bulgakows mit dem Verbot in der Sowjetunion und der ganzen versteckten System- und vor allem auch Bürokratiekritik steckt ein Reiz, sich mit diesem Buch intensiv auseinanderzusetzen. Aber irgendwie. Ach, ich weiß auch nicht so recht. So richtig zünden wollte das ganze bei mir nicht. Michail Bulgakows Der Meister und Margarita ist sicherlich tatsächlich ein äußerst bedeutendes Buch. Aber wenn ich es vor dem Hintergrund der Bonmots, die ich mir aus meinen Freizeitlektüren herauszuschreiben pflege, bewerte, dann kommt es nicht sonderlich gut weg. Hätte ich es also mehr aus Interesse an dem (literatur)geschichtlichen Rahmen gelesen, wäre ich vermutlich begeistert gewesen. Da ich es mir aber aus nicht reflektierten Gründen nicht abgewöhnt habe, Bücher in meiner Freizeit doch mehr zu Zwecken irgendeiner Erbauung und Sinnstiftung zu lesen, bin ich etwas enttäuscht. In dieser Hinsicht hatte ich etwas mehr von diesem “Kultbuch” erwartet. Selbst schuld, möchte man meinen – was kann schließlich das Buch dafür, dass es für mich wenig aktuellen Lebensbezug hatte. Tjaja.

Was lernen wir also? Gutes Buch, sicherlich, wenn man es eben unter dem richtigen Blickwinkel betrachtet. Was bleibt? Hier zwei kleine feine Stellen, die ich zitieren möchte, um einen Eindruck zu geben.

‘Ah! Sie sind Historiker?’ fragte Berlioz erleichtert und respektvoll.
‘Ja, ich treibe Geschichte’

(Bulgakow, Michail: Der Meister und Margarita. Aus dem Russischen von Thomas Reschke, München, 8. Auflage 2008, S. 25.)

‘[…] Willst du nicht so gut sein, einmal darüber nachzudenken, was dein Gutes täte, wenn das Böse nicht wäre, und wie die Erde aussähe, wenn die Schatten von ihr verschwänden? Kommen doch die Schatten von den Dingen und den Menschen. Da ist der Schatten meines Degens. Aber es gibt auch die Schatten der Bäume und der Lebewesen. Du willst doch nicht etwa den Erdball kahlscheren, alle Bäume und alles Lebende von ihm entfernen und deine Phantasie an kahlem Licht ergötzen? Du bist dumm.’

(Ebd., S. 447-448.)

ps: Das viel beschworene “Mir nach, Leser!” kommt ja mal ganz ehrlich gesagt nicht sonderlich häufig vor. Drei Mal vielleicht oder so?

bob dir was

bob dir was

for the times
they are
a-changin’,
was? und
ich spüre das
Drängen und
will dieses Weiter,
von dem wir uns
trunkengeflashed
berauscherzählen,
das wir wählen, in
unsrer Version
der Demokratie!die
Bewegung bewegt mich
zu auf euch, weg von denen,
andersherum, wer kann das wähnen?
wir altern, verdammt, wir altern,
und morgen schon werde ich gähnen!

doch mehr
ist da nicht,
was sich
ändert, mit
Blick aus der
Ferne, die
grinsen
mich lässt und das
Wie
frei-
stellt.

Ausschnitt aus der Lesung vom 25. Juni

Ja, einen wunderschönen guten Abend. Ich bin hier, um endlich mal ein Versprechen zu halten. Toll, nicht? Ja. Also. Los.

Ich habe euch etwas mitgebracht. Und zwar einen Ausschnitt aus der Lesung vom 25. Juni 2010. Das ist insofern beachtlich, als dass ich weder über genügendes Equipment für derartige Aufnahmen noch über die technischen Fähigkeiten zur Bearbeitung derartiger Aufnahme verfüge und euch dennoch nicht die Ohren abfallen werden. Nicht völlig zumindest.

Wie dem auch sei. Meine Wenigkeit liest “Denn, wenn etwas geboren wird, dann hat es einen Namen zu tragen, damit man mit ihm oder ihr oder über es oder sie oder ihn schnell verständlich kommunizieren kann.” – Ein Sonett.


Programmatik

Programmatik

vernehmt
meine expeditive Prozedur,
mit der ich den
Kreis schon schließe!

Näherndes:
Systematik als
Wissenschaft, als
Lebenskraft, als das,
was ruhig mich macht im
Angesicht gesichteter Gesichter, die
mir verschwimmen, bis ich
neue Namen finde.

so geordnet, habe ich mich
in Ordnung verordnet und das
zernichtet, ja
zernichtet, doch
man kann noch immer
weiter.