„Trauerkampfspiele“

Blickt man aus der Ferne darauf,
wie in ungezählten Kriegen
sich die Menschheit mehr als nur ent-
zweit hat, so müsst man lügen,

wollte man behaupten, dass aus
allen Menschen Brüder
werden können. Dennoch zeigt uns
immer, immer wieder

jeder Antikriegsfilm zuver-
lässig, dass wir alle
nur verlieren, wenn die Truppen
aufmaschieren. Alle

sind wir – drum beton ich es hier –
also so vereint,
wenn der Nachbar an des Nächsten
Schulter bitter weint,

sind die Argonauten, sind die
Dolionen, töten
uns die eine Nacht und geben
den entstandnen Nöten

dann gemeinsam statt und halten
Trauerkampfesspiele
ab. Da sag noch jemand, Moden
gäbe es sehr viele.

Schillerndes Europa. Oder: Eine Ode an die Skepsis

Freude, schöner Götterfunken,
warst du nicht zugegen,
als Zeus sich die Europa raubte?
Wurdest du verlegen?

Denn sicher folgte seinem Siege
Lächeln bringend deine
Kraft. Mit ihm standst du an der Wiege
dessen, was im Keime

ihr durchs Lügen schon dem Unglück
habt geweiht. Alle
Menschen werden Brüder? Darauf,
werte Freude, falle

ich ganz sicher nicht herein.
Solange du auch dort
noch weilest, wo man sich betrügt,
glaub ich dir nie dein Wort.

Re-Prise der Ernüchterung

Re-Prise der Ernüchterung.

Freudig, ja gar freudestrunken,
Drehe ich mich nochmal um
Und beginne unumwunden
Neuerlich die Aufklärung.
Ja, wie Zauber bindet’s wieder,
Was auf ewig schien geteilt,
Jeder Schleier legt sich nieder,
Wo nur dieser Glaube weilt.

Seid umschlungen, Millionen,
So lang’s euch bei mir gefällt.
Wissend, dass dereinst dies Geld,
wird mich nimmermehr belohnen.

Wozu denn dann den ganzen Kram?

Schauspiele und Romanen eröffnen uns die glänzendsten Züge des menschlichen Herzens; unsre Phantasie wird entzündet; unser Herz bleibt kalt; wenigstens ist die Glut, worein es auf diese Weise versetzt wird, nur augenblicklich und erfriert fürs praktische Leben. In dem nämlichen Augenblick, da uns die schmucklose Gutherzigkeit des ehrlichen Puffs bis beinahe zu Tränen rührt, zanken wir vielleicht einen anklopfenden Bettler mit Ungestüm ab. Wer weiß, ob nicht eben diese gekünstelte Existenz in einer idealischen Welt unsre Existenz in der wirklichen untergräbt? Wir schweben hier gleichsam um die zwei äußersten Enden der Moralität, Engel und Teufel, und die Mitte – den Menschen – lassen wir liegen.
(Friedrich Schiller: Eine großmütige Handlung. Aus der neuesten Geschichte. In: Ders.: Der Verbrecher aus verlorener Ehre und andere Erzählungen, Stuttgart 1999, S. 34.)

Ausprechen

Ausprechen

Nieder mit dem
Bescheidenheits-Topos, das
unsere Sprache zu lange schon
regiert.
Und zurück mit den großen
Ideen und Würfen, die
man ihr zu lange schon
verwehrt.
Pfui über dieses neueste
Kastratenjahrhundert, das
unsere Fähigkeit
negiert.
Her hingegen mit allem dem,
was unsere Seele zu
lange schon nur
begehrt!

Das wollte ich
nur mal gesagt haben.

Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert!

…aber nicht über die Inszenierung von Schillers „Die Räuber“ unter der Regie von Nicolas Stemann. Denn die hat mir gestern Abend ausnehmend gut gefallen.

Das betrifft besonders den ersten Teil, in dem vor allem die Darstellung Franzens durch vier Schauspieler mit wechselnder oder gemeinsamer Rede zu überzeugen und vor allem auch Franz zu erhellen wusste.

Ja. So viel einfach mal dazu. Es lohnt sich. Geht ins Theater.